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Adventskalender der guten Taten

l24gtWir leben in einer Gesellschaft, die vom Konsum regiert wird. Jeder will immer schneller, immer mehr haben. Wenn es Abhandlungen über die Veränderung von Werten der letzten 2000 Jahre geben würde, würde darin sicherlich beschrieben stehen, wie der Mensch vom Gesellschaftstier zum Konsumtier wurde. Mit dem Fest der Liebe erreicht der alljährliche Konsumzwang seinen Höhepunkt, der in Panikkäufen am 24. Dezember an der Tankstelle gipfelt. Am Ende scheint es egal zu sein, was man schenkt, Hauptsache man hat etwas geschenkt, scheint die Devise zu sein. Dabei vergessen wir, worum es, nicht nur zu Weihnachten, eigentlich gehen sollte. Nicht um Essen, teure Geschenke und Streit unterm Weihnachtsbaum, sondern darum, den Menschen die einem nahe stehen eine Freude zu bereiten und auch darum an die zu denken, denen es nicht so gut geht.

So habe ich dieses Jahr statt einem Adventskalender voller Süßigkeiten einen Adventskalender voller guter Taten gekauft. Statt sich jeden Tag mit immer mehr Süßigkeiten vollzustopfen, kann man nun jeden Tag sehen, was man mit dem Kauf des Adventskalenders erreicht hat. Egal ob man damit für ein kleines Stück Regenwald spendet, für die Suppe eines Obdachlosen in Bremen oder für ein Kinderhilfswerk, jeder Tag bedeutet für einen anderen Menschen eine Freude und damit auch für einen selbst. Natürlich rettet man mit dem Kalender nicht die Welt, aber gerade dadurch, dass es jeden Tag eine kleine Geste ist und eben nicht der, zum scheitern verurteilte, Versuch die ganze Welt zu retten, wird es greifbar. Mir ist klar, dass sich das nicht jeder leisten kann und viele auch nicht auf ihren traditionellen Adventskalender verzichten wollen, aber ich finde es für mich einen guten Weg um mit der Tradition etwas sinnvolles anzufangen.

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Nun noch ein paar Fakten zum Kalender. Seitdem der Kalender 2011 von Sebastian Wehkamp ins Leben gerufen wurde, wurden laut eigenen Angaben insgesamt rund eine halbe Million Euro Spendengelder eingenommen und davon weltweit: 56.000 Menschen medizinisch behandelt, 58.000 Mahlzeiten verteilt, 477.000 m² Regenwald unter Schutz gestellt und 650.000 kg CO₂ eingespart. Ich finde es schön zu sehen, das man mit so einer simplen Idee, so viel gutes tun kann. Wer das auch so sieht, der kann die Aktion gerne auf 24-gute-taten.de unterstützen und sich einen Kalender, der aus 100% Recyclingpapier gefertigt wird, ab 24€ bestellen.

 

Lieber Slacktivism als gar kein vism

svaKritiker werden sagen Slacktivism (def.: Anteilnahme im Internet ohne großen Aufwand, z.B. Unterzeichnung einer Onlinepetition) beruhigt das Gewissen ohne etwas erreicht zu haben, denn mit einem Like ist noch niemandem geholfen, aus einem Click entsteht keine Revolution sagen sie. Aber man muss sich auch mal die Alternative betrachten. Die wenigstens Menschen gehen wirklich auf die Straße, engagieren sich für Flüchtlinge, zeigen Flagge gegen den xten Ableger von PEGIDA oder retten aktiv die Umwelt. Sicher wäre dies erstrebenswert und sinnvoll, aber so sieht die Realität leider nicht aus. Die Kritiker gehen von einer engstirnigen Definition des Begriffs Activism aus, bei denen der idealisierte Revoluzzer, gegen jeden Misstand auf die Straße geht und durch Sit-ins einen Umbruch herbeiführt. Doch beim Activism geht es auch darum Aufmerksamkeit für ein Problem zu generieren und man mag von Kony 2012 halten was man will, aber dieses Video wurden mehr als 100 Mio. mal angesehen.

Gefühlt verbringen die Generationen U30 222% ihrer Zeit im Internet, je jünger die Menschen desto mehr Zeit. Wie will man diese Generation anders erreichen als über das Internet und was spricht dagegen diese Masse (sinnvoll) zu nutzen? Sicherlich gibt es mehr als genug Beispiele, bei denen außer einem Shitstorm nichts weiter passierte. Doch gibt es auch zahlreiche gelungene Beispiele dafür, dass die Kraft des Internets (sinnvoll) genutzt werden kann. Crowdfunding wäre ein Beispiel, hier bedeutet ein Click oft die Realisierung eines Traumes, das unter den Ideen auch viel Ausschuss dabei ist, das ist halt so. Natürlich ist die ursprüngliche reine Form des Aktivismus richtig und wichtig, aber nicht jeder Slacktivism ist zum scheitern verurteilt oder per se schlecht. Eine zur Zeit empfehlenswerte Kampagne wäre die folgende Baumpflanz-Kampagne von Republic of Change, auch wenn jedem klar sein sollte, das man mit einem Baum nicht die Welt rettet. Aber egal ob nun Slack-, Click-, oder Activism, vielleicht hat es wenigstens ein zwei Menschen mehr dazu gebracht mehr über die (Um)welt nachzudenken, und das ist doch immer noch besser als gar kein vism:

Web

Bildquellen:

  • 1. Bild https://i.ytimg.com/vi/0EQFKKJBjwE/maxresdefault.jpg
  • 2. Bild http://sortable.com/wp-content/uploads/2012/04/The-rise-of-the-Slacktivist_1st-draft-01-1.jpg

Zach Sobiech

Zach

03.05.1995 – 20.05.2013

Ich muss darauf hinweisen, das der nachfolgende Blogpost, obwohl er auch von Hoffnung und Lebensfreude handelt, traurig ist und zu Tränen rühren könnte. Doch in Zeiten in denen die Frage, ob ein Kleid blau oder weiß ist, die Internetgemeinde spaltet, finde ich es umso wichtiger an die Sachen zu erinnern, die wirklich zählen.

Dabei ist es schwierig über Zach Sobiech zu schreiben ohne ins Kitschige abzudriften. Seine Geschichte beginnt wie so viele andere auch. Eigentlich war er ein gewöhnlicher amerikanischer Teenager, bis bei ihm 2009 ein bösartiger Knochentumor diagnostiziert wurde (Osteosarkom), der die Lebenserwartung des damals 14 Jährigen drastisch reduzierte. Doch anstatt sich dem Krebs hilflos zu ergeben, versuchte er die verbleibende Zeit so gut es eben ging zu nutzen und schrieb mehrere Songs. So lud er, statt einem Abschiedsbrief, seinen selbst komponierten Song „Clouds“ am 05.12.2012 auf Youtube hoch. Der berührende Song, der der traurigen Thematik mit viel Optimismus und Lebensfreude begegnet, erlangte unerwartete Popularität und ist bis heute 11.468.152 Mal (Stand 28.02.2015) abgespielt worden. Das Lied, das eigentlich nur für seine Familie und Freunde gedacht war, wird so zu seinem Vermächtnis und macht Zach unvergesslich.

Die plötzliche Berühmtheit ermöglichte ihm sogar einen Plattenvertrag und bot ihm die Chance mit seinen Songs die Menschen zu inspirieren. Außerdem konnte er so die Zach-Sobiech-Stiftung gründen, die das Ziel hat die Knochenkrebsforschung zu unterstützen und auf die Krankheit aufmerksam zu machen. Ihr könnt die Stiftung unterstützen, wenn ihr seinen Song bei Amazon, ITunes oder ähnlichem erwerbt. Am 20. Mai 2013 starb im Alter von 18 Jahren er an den Folgen seines Krebsleidens.

Man kann auf das Internet ja schimpfen wie man will, aber früher wäre seine Geschichte wahrscheinlich eine von vielen gewesen, eine, die nicht bemerkt wird. Es ist dem Internet zu verdanken, das sie so viele berührt und bewegt hat. So hat Soulpancake seine Story wenige Wochen vor seinem Tod vielen Menschen bekannt gemacht und auch einige Prominente zollten Zach Tribut, darunter unter anderem PassengerJason MrazThe Lumineers und Bryan Cranston. Ein Jahr nach de Veröffentlichung seines Songs, ein halbes Jahr nach seinem Tod, fanden sich 5000 Menschen zusammen um seinen Song aufzuführen, darunter auch die Familie und Freunde, ein sehr bewegender Augenblick.

So traurig seine Geschichte auch ist, sie gibt einem Hoffnung und es nötigt einem den aller höchsten Respekt ab, mit welcher Kraft und Lebensfreunde er sich seinem Schicksal entgegen stellt. Natürlich ist Zach nicht der Einzige, der den täglichen Kampf gegen eine tödliche Krankheit zu kämpfen hat und es gibt viele weitere, deren Geschichte nie gehört werden. Doch Zach Sobiech steht stellvertretend für all diese kleinen Heldengeschichten, die sich meist unbemerkt abspielen, er inspiriert und erinnert uns daran, was wirklich zählt, egal welche Farbe dieses verdammte Kleid hat.

Brot statt Böller

brotsb2Mit der Aktion Brot statt Böller soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass zur Silvesternacht für ein kurzfristiges Vergnügen Millionen von Euro ausgegeben werden, die an anderer Stelle vielleicht nachhaltiger eingesetzt werden könnten. Allein in Deutschland werden jährlich angeblich 130 Millionen Euro für Feuerwerk ausgegeben (Quelle), wenn man sich vorstellt, was man auch nur mit einem Bruchteil dieser Summe machen könnte.

Ja Feuerwerk ist schön und ja Silvester ist nur einmal im Jahr und natürlich soll jeder Silvester so feieren wie er es für richtig hält. Aber die Zeit um den Jahreswechsel ist nun mal auch immer eine Zeit des Rückblicks, des sich Besinnens und auch die Zeit der guten Vorsätze. Natürlich werden die meisten Vorsätze schon am Silvesterabend im Keim erstickt, aber das soll hier nicht Thema sein. Man muss ja auch nicht komplett auf das Böllern verzichten, es reicht ja etwas weniger zu investieren und diesen gesparten Betrag zu spenden. Natürlich rettet man mit einer kleinen Spende für „Brot für die Welt“ nicht die ganze Welt, aber das muss ja auch nicht der Anspruch sein, es reicht ja, wenn man wenigstens etwas Gutes tut und so einen kleinen Teil verbessert. Und natürlich muss man kein Geld für diese Aktion spenden, man kann sie einfach als Anlass nehmen, um etwas anderes zu unterstützen. Sei es nun das freie Wissen der Wikipedia, die neue Turnhalle des lokalen Sportvereins, ein neues Klettergerüst im nächsten Kindergarten, ein größeres Studio für einen Radiosender den man gerne hört, neue Bücher für die nächste Bibliothek oder irgendein soziales Projekt in der näheren Umgebung das man mit Sachspenden oder tatkräftigem Einsatz unterstützt. Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie der Mensch Interessen hat. Und auch, wer finanziell nur reduzierte Mittel zur Verfügung hat kann etwas tun, denn auch wenn es etwas pathetisch klingt, aber wie sagte schon einst Paul Anton de Lagarde:

Jeder Mensch hat die Chance, mindestens einen Teil der Welt zu verbessern, nämlich sich selbst.

Also, wer sich weiter informieren will oder Lust bekommen hat zu spenden, der kann einfach auf die Website gehen oder hier unten das Bild anklicken. Wer darauf keine Lust hat, der kauft nächstes Jahr vielleicht einfach ein paar Böller mehr und unterstützt so die Feuerwerksindustrie, die muss ja schließlich auch von etwas Leben, wenn alle nur noch spenden und nicht mehr böllern.
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Testmarkt Haßloch – Die Mitte Deutschlands?

hlViele Städte und Gemeinden versuchen alles um einzigartig zu sein, damit sie sich aus dem Durchschnitt abzuheben, um so Tourismus und/oder Wirtschaft anzukurbeln. Die einen bauen umstrittene Citytunnel, die anderen Flughäfen die nie eröffnet werden und wieder andere bauen unterirdische Bahnhöfe die keiner will, wären diese Städte Kindern, würde man ihnen wohl ADHS unterstellen. Doch was genau ist eine durchschnittliche Stadt in Deutschland? Laut der Gesellschaft für Konsumforschung (Gfk) gibt es keiner durchschnittlichere Gemeinde als Haßloch. Die kleine, in Rheinland-Pfalz gelegenen, Gemeinde repräsentiert angeblich, mit ihren 19 854 Einwohnern (Zensus 2011), am ehesten den gesamtdeutschen Schnitt. Dies führt dazu, dass seit 1986 Produkte vor der eigentlichen Markteinführung erst am Testmarkt Haßloch bestehen müssen. Die daraus resultierende Erkenntnisse stimmen angeblich zu 90% mit den späteren Marktforschungsergebnissen überein. So gibt es eigens für Haßloch entwickelte Werbespots und Zeitungsanzeigen und beim Einkauf wird getrackt wer welches Produkt kauft. Doch von den 10 000 Haushalten wurden nur ca. 3 000 Testhaushalte ausgewählt, daraus ergibt sich natürlich ein sehr repräsentatives Bild.

Sicherlich hat so ein Testmarkt einige Vorteile, anstatt ein Produkt ungetestet auf den Markt zu werfen und so im schlimmsten Fall einige Millionen zu verbrennen, kann man hier noch rechtzeitig die Notbremse ziehen. Laut Focus setzen sich von 30 000 neuen und überarbeiteten Waren jedes Jahr lediglich 30% durch. Wenn man dies vorher in einer kontrollierten Umgebung testen kann, ist das für die Unternehmen natürlich von Vorteil. Aber für mich ergeben sich daraus natürlich zahlreiche Fragen.

Wie will man von einer kontrollierten Testumgebung auf das etwas unkontrollierbare Deutschland hochrechnen? Wie will man eine kleine Gemeinde mit der Dynamik von Großstädten wie Berlin oder Hamburg vergleichen? Was passiert mit Haßloch hinsichtlich des demographischen Wandels. Prozentual gesehen ist es ein großer Unterschied, ob jetzt 20 Rentner mehr oder weniger in den Testhaushalten leben. Müssen Familien umgesiedelt werden, um den deutschen Schnitt zu halten? Wie sieht es mit dem Thema Migration aus? Wird hier mal noch schnell ein „Quotenmigrant“ angesiedelt. Und wie sieht es mit Bestechung aus? Wenn man für mehrere tausende Euros ein neues Produkt entwickelt hat und merkt, die Haßlocher wollen es nicht kaufen, fließen dann keine Bestechunsgelder um den Verkauf anzukurbeln? Kaufen Testkäufer, wenn sie wissen, dass sie Testkäufer sind wirklich normal? Aber eventuell ist Haßloch, ähnlich wie Bielefeld oder die 5 000 Haushalte, die angeblich durch die GfK die TV-Quote ermitteln, gar nicht existent?