Der freie Wille contra Naturwissenschaft
Grade zur Winter- und Weihnachtszeit wird man ja gemeinhin etwas nachdenklicher und besinnlicher und so widme ich mich, angeregt durch diesen guten Artikel, mal einem Thema, welches mir schon Stoff für zahlreiche Diskussionen geliefert hat. Seit der Geburt der Philosophie, in der Antike, ist der freie Wille Stein des Anstoßes, immer wieder wurde darüber diskutiert, was das denn sei und ob es ihn überhaupt gibt. Und genau das ist das Problem, man kann den freien Willen schwer bis gar nicht definieren, jeder versteht etwas anderes darunter und so ist es fraglich, ob das ganze jemals zu einem Ergebnis führen wird, sind die Grenzen zwischen Willen- und Handlungsfreiheit doch genauso fließend wie die zwischen der Determiniertheit durch Gene und Sozialisierung und Individualität.
Die Frage ist doch, ob der Mensch überhaupt freie Entscheidungen treffen kann, die nicht durch irgendetwas von Außen determiniert sind.
Wenn ein Mensch an eine Wegkreuzung kommt und der Weg sich nach links und rechts teilt, dann muss er eine Entscheidung treffen. Angenommen die beiden Wege sind wirklich identisch, bis auf die Richtung, wie entscheidet man wo man lang geht? Auf Erfahrung durch Sozialisierung und Erziehung kann man ebenso wenig zurückgreifen wie auf meinetwegen Google Maps. Also wäre es, egal welche Entscheidung man trifft, eine freie. Natürlich kann man so nicht die Existenz des freien Willens beweisen, genauso wie man sie auch nicht nicht beweisen kann. Doch kann man diese unbedingte Willensfreiheit wohl nicht erreichen. Man könnte das Beispiel aber weiter treiben, angenommen man steht an dieser Kreuzung und die Eltern hätten einem eingetrichtert im Zweifelsfall immer nach rechts zu gehen, dann hätte man doch die Wahl, auf Grund des freien Willen, einfach nach links zu gehen, wobei hier die Kritik ansetzten würde, das diese Entscheidung keine freie mehr wäre, sondern eine (un)bewusste Trotzreaktion. Aber genau das ist für mich freier Wille, nicht das nicht existieren von äußeren Einflüssen, dafür ist der Mensch zu sehr Gesellschaftstier, sondern das Reflektieren und das bewusste Auseinandersetzen mit diesen, es ist also nur eine bedingte Willensfreiheit.
Aber was bleibt denn, wenn man den Menschen auf das Grundlegendste reduziert, wenn man alle Äußerlichkeiten außen vor lässt? Der freie Wille. Er ist die letzte Bastion die uns davon abhält vollkommen durchzudrehen. Nachdem die Aufklärung dem Menschen die Religion nahm, versucht die Naturwissenschaft das gleiche mit dem freien Willen. Die Hohepriester der Aufklärung 2.0 erklären ihn immer wieder für tot und bezeichnen ihn als ein soziales Phänomen das es so nicht gibt, alles sei durch die Gene determiniert, man ist was man ist von Geburt an und wird auch nie etwas anderes sein. Ob diese These nun stimmt oder nicht, ist zu diesem Zeitpunkt erstmal egal, doch greift es den uralten Konflikt zwischen Wissen und Glauben wieder auf. Ich spreche nicht vom Glauben im kirchlich oktroyierten, sondern von glauben im ursprünglichen Sinne, also von einer Sache überzeugt zu sein, ohne Beweise zu haben. Denn auch das vermeintliche naturwissenschaftliche Wissen ist nicht der Wahrheit letzter Schluss, war doch die Erde einst eine Scheibe, natürlich hat sich seit Galileo viel getan, doch stieg mit dem Wissen auch gleichzeitig die Arroganz der Wissensträger nahezu exponentiell. Und so bleibt es am Ende eine Frage des Glaubens.
Würde ich an eine Wegkreuzung kommen und der Weg sich nach links und rechts teilen, wären beiden Wege wirklich identisch, bis auf die Richtung, würde ich mein Bauchgefühl entscheiden lassen. Denn am Ende ist doch nur entscheidend, ob ich genug Glauben habe, dass meine Entscheidung für mich die richtige ist.
Und somit möchte ich deinen letzten Satz in einen Bilderrahmen packen und ihn aufhängen, denn er ist die Antwort auf viele Fragen, bei deren Beantwortung sich die Menschheit seit Jahrzehnten die Köpfe einschlägt.
Sehr guter Artikel! Mehr davon, mein lieber Schlatter!
PS. Wann kommt dein Artikel über Integration? Ich warte schon lange sehnsüchtig darauf (seit einem gewissen Raclette-Abend).?
Ich danke für die positiven Rückmeldungen und fühle mich darin bestärkt, demnächst vermehrt solch qualitativ hochwertigen journalistischen Stilblüten niederzuschreiben. Obgleich das Thema der Integration, ein äußerst diffiziles ist, steht dieses schon auf meiner Agenda, allerdings kommt es durch extreme Witterungsbedingungen zu Verzögerungen. Ich bitte dies zu entschuldigen und werde mich dem Thema zeitnah mit der gebotenen Sorgfalt widmen, auch wenn der wirklich wunderschöne betreffende Abend schon etwas zurückliegt und mir nicht mehr alle Argumente präsent sind.
In diesem Sinne, gehabt euch wohl.
Hey Schlatter,
. Lustig ist ich lese gerade ein Buch genau darüber
Von Ted Honderich “Sind wir wirklich frei? – Das Determinismus-Problem”. Ich kann dir das ja mal in der Zeit zwischen zwei Arbeitsmonaten mitbringen.
wirklich ein sehr interessantes Thema
Grüße
wenn man eben immer wieder das in den schwanz beiss spielchen spielen will … quizzfrage: wer sagt, dass der wille als zufällig und unmotiviert zu gelten hat? sie searle oder lieber bei sartre …
Also ich hatte jetzt zwar nicht die Ausdauer mir den ganzen Vortrag von Searle anzuhören, was man hier tun kann, aber das klingt mehr nach Satre, scheint Searle doch wesentlich mehr vom Determinismus zu halten, auch wenn es ein innerer ist.
ich denke du wirfst hier ein paar begrifflichkeiten durcheinander oder trennst sie nicht sauber …
hier erklärt searle mal seine sicht zum thema determinismus vs. freier wille: http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EE9B99337FC2B4260A00CCDA0854D43C5~ATpl~Ecommon~Scontent.html
… ansonsten empfehle ich kant, kritik der praktischen vernunft – dort wird dieses ganze rethorische annahmen “spielchen” determinismus vs. wille und erkenntis etc. alles schon genauso schön durchgekaut, wie es heutzutage alle paar jahre wieder mal “neu” sozialpädagogisch kompatibel wiedergekäut und nur halb verstanden wird!
:-D